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Offensichtlich ist Spracherwerb ein Kinderspiel! In einem Alter, in dem wir Kinder nicht unbeaufsichtigt eine Straße überqueren lassen würden, erschließen sie sich zielstrebig die Strukturen ihrer Erstsprachen. Wie wir mittlerweile wissen, gilt dies nicht nur für den Erwerb einer Sprache, denn Kinder können von Anfang an mit mehr als einer Sprache aufwachsen. Auch der frühe Erwerb einer zeitversetzt hinzutretenden Zweitsprache ist ohne Risiko für die Entwicklung des Kindes möglich. Diese Kompetenzen gilt es zu nutzen, vor allem auch für die frühe Zweitsprachförderung von Kindern aus Einwandererfamilien, denen ohne ausreichende Sprachkenntnisse Bildungs- und Berufschancen verwehrt bleiben. Dieses Buch bietet anhand vieler Beispiele einen verständlichen Überblick über den Spracherwerb und schildert die Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Unterstützung frühkindlicher Mehrsprachigkeit. Verdeutlicht wird auch, welche sprachlichen Bereiche für Zweitsprachlerner problematisch bleiben, wenn angemessene Unterstützung fehlt. Der Text enthält eine Anleitung für die gezielte Beobachtung von Kindern und eine Fülle von Anregungen für die Förderung. Darüber hinaus weckt er Interesse an Sprache im Allgemeinen und fördert den Spaß an der eigenen Sprachkompetenz.
„Das Buch bietet neben seiner gut verständlichen Information zum Spracherwerb zahlreiche Beispiele für eine erfolgreiche Unterstützung frühkindlicher Mehrsprachigkeit … Rosemarie Tracy räumt auf mit Mythen und falschen oder längst überholten Wahrheiten zum kindlichen Sprachoder Mehrspracherwerb … „Wie Kinder Sprachen lernen“ ist ein Buch, das mit Leichtigkeit die meisten Lern- und Prüfungsmaterialien in der aktuellen Erzieherausbildung ersetzen könnte.“
Eva Hammes-Di Bernardo in "Kita aktuell"
“Das ist überhaupt die herausragende Eigenheit dieses Buches, die es von anderen, vergleichbaren auf dem Markt abhebt: Tracy nimmt eine kompromisslos anwendungsbezogene Perspektive ein, selbst noch die Darstellung des Grammatikerwerbs im Deutschen – vielleicht die bislang gelungenste allgemeinverständliche Abhandlung dieses komplexen Themas – erweist sich, vom Ende des Buches her gelesen, als strikt zielführend … Dieses Buch sei allen interessierten Laien, der von Tracy favorisierten Zielgruppe, wärmstens empfohlen.“
Prof. Dr. Jürgen Dittmann in den "Freiburger Universitätsblättern"
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Prof. Dr. Rosemarie Tracy ist Inhaberin des Lehrstuhls für Anglistische Linguistik an der Universität Mannheim. Ihre Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind Linguistische Theorie, Psycholinguistik, Sprache und Kognition, Bilingualismus, Erstspracherwerb, Sprachkontaktphänomene
Rezension von: Dr. Anja Steinlen
Rezension in: JuLit (Arbeitskreis für Jugendliteratur), Heft 2/2011
Differenziert, fundiert und praxisnah In ihrem Buch "Wie Kinder Sprachen lernen. Und wie wir sie dabei unterstützen können" erläutert Rosemarie Tracy, Professorin für anglistische Sprachwissenschaft an der Universität Mannheim, auf verständliche und unterhaltsame Weise, wie der Spracherwerb und der Erwerb mehrerer Sprachen vonstattengeht und wie er gefördert werden kann, damit alle Kinder adäquat an Bildungs-und Berufschancen in unserer Gesellschaft teilhaben können. Das Buch ist an Personen gerichtet, die sich aus beruflichen und privaten Gründen mit dem Spracherwerb und der Sprachförderung von Kindern in Kindergärten und Schulen beschäftigen. Zu Beginn des Buches stellt Tracy den Status quo der Spracherwerbsforschung in Deutschland dar und leitet daraus einen dringenden Handlungsbedarf in Bezug auf kindliche Mehrsprachigkeit in Kindergärten und Schulen ab. Im darauffolgenden Kapitel führt sie zunächst sprachwissenschaftliche Grundlagen ein, die durch Exkurse in die Praxis gut veranschaulicht werden, etwa durch Beispiele aus dem Alltagsbereich und durch Gedankenexperimente als Anstoß zum besseren Verständnis des Fachjargons. Verschiedene Aspekte der Mehrsprachigkeit werden im dritten Kapitel anhand mündlicher und schriftlicher Äußerungen von Kindern und Erwachsenen illustriert. Ziel ist es, ein realistisches Bild mehrsprachiger Kompetenzen darzulegen, denn heutzutage, so Tracy, seien die Kinder "nicht nur unterfördert, sondern auch unterfordert". (S. 58) Einen Überblick über verschiedene Spracherwerbsverläufe stellt Tracy in den Kapiteln vier bis sechs dar: Anhand der "Meilensteine der Satzkonstruktion" werden für den Erwerb der Erstsprache Deutsch die Entwicklungsschritte aufgezeigt, die Kinder durchlaufen müssen, um die Zielsprache zu erwerben. Auch kindliche Strategien und Übergangslösungen werden dargestellt. Kapitel fünf illustriert mit Hilfe von Beispielen von Kindern, die gleichzeitig mit Deutsch und Englisch aufwachsen, dass der doppelte Erstspracherwerb ähnlich wie der einsprachige Erstspracherwerb verläuft. Auch die häufig beobachtete Sprachvermischung ist, laut Tracy, alles andere als negativ und führt nicht zur Verwirrung des Lernens, sondern enthüllt Strategien, wie sich Kinder Sprachen zu Eigen machen. Im sechsten Kapitel wird erläutert, wie Deutsch als Zweitsprache im Kindergarten von Kindern mit russischer, türkischer und arabischer Erstsprache erworben wird. Dabei wird deutlich, dass der Lernprozess des frühen Zweisprachenerwerbs dem des Erstsprachenerwerbs sehr ähnlich ist, wie Tracy anhand der Entwicklung der VerbsteIlung und der Verbflexion des Deutschen illustriert. In den Kapiteln sieben bis neun liegt der Schwerpunkt auf der Frage, wie die Unterstützung für Kinder aussehen kann und wie die Sprachförderung in den Erziehungs-und Bildungsinstitutionen organisiert sein sollte. In Kapitel sieben plädiert Tracy dafür, alle Pädagogen in vorschulischen Einrichtungen mit der Sprachförderung zu betrauen. Dabei sollte der Kontakt zur Sprache für Kinder immer interessant und relevant und das Sprachangebot strukturell reichhaltig sein (also beispielsweise auch komplexe Sätze beinhalten), sodass die Kinder aus dem Input die sprachlichen Details auswählen können, welche sie für den weiteren Erwerb der Sprache/n benötigen. Mit Recht kritisiert Tracy, dass heutzutage zu wenig finanzielle Mittel für individuelle Sprachförderung in den Erziehungs-und Bildungsinstitutionen bereitgestellt werden, und führt eine Reihe von sprachwissenschaftlichen und wirtschaftlichen Argumenten an, um Politiker davon zu überzeugen, mit Fördermaßnahmen so früh wie möglich zu beginnen und diese nicht in die Hände einzelner Personen zu legen.
Kapitel acht widmet sich dann in konkreter Weise der Kommunikation mit Kindern. Tatsächlich ist es vom "Hinhören und Mitreden zur Förderung" nur "ein kleiner Schritt", wie Auszüge aus Dia logen zwischen Erwachsenen und Kindern verdeutlichen. Für eine effektive Unterstützung und Förderung von Kindern sind, laut Tracy, "Kenntnisse über die Zielsprache und die damit verbundenen Erwerbsaufgaben, Informationen über Mehrsprachigkeit, Einsicht in das natürliche (Erwerbs)Programm von Lernern und hoffentlich Selbstvertrauen in die eigene kommunikative Kompetenz" (S. 185) nötig. Im neunten Kapitel werden praktische Anregungen für die Umsetzung von Sprachfördermaßnahmen sowie eine Anleitung für eine informelle Einschätzung der Deutschkompetenzen von Kindern vorgestellt. So stellt Tracy ein mehrstufiges Verfahren zur Vermittlung des Wortschatzes vor, das pädagogisch gut aufgebaut, alltagstauglich und kindgerecht ist. Am Ende des Kapitels legt die Autorin einen Leitfaden zur sprachlichen Leistungsdiagnose einschließlich Förderempfehlungen vor, der sehr gute Anleitungen und Entscheidungshilfen für eine differenzierte Sprachförderung von Kindern bietet. Wie lernen Kinder Sprachen? Systematisch, treffsicher und beharrlich -wenn man sie denn lässt, so Tracys Fazit. (Vgl. S. 153) Der Spracherwerb, sei es von einer Sprache oder von mehreren Sprachen, zeitgleich oder zeitversetzt, ist ein Kinderspiel. Es ist aber wichtig, so früh wie möglich adäquate Rahmenbedingungen zu schaffen, den Erwerb dieser Sprachen zu unterstützen. Das vorliegende Buch leistet durch seine differenzierte, fundierte und praxisnahe Darstellung einen herausragenden Beitrag dazu.
Dr. Anja Steinlen ist Sprachwissenschaftlerin an der Universität Kiel mit den Forschungsschwerpunkten Spracherwerb und Fachdidaktik in (bilingualen) Kindergärten und Schulen.
von: Beate Widlok
in: Frühes Deutsch Fachzeitschrift für Deutsch als Fremdsprache und Zweitsprache im Primarbereich Heft 14 17. Jahrgang
Mit ihrem Buch wendet sich Rosemarie Tracy an alle, die im beruflichen oder privaten Umfeld mir frühem Spracherwerb zu tun haben. Sie will an die aktuelle Diskussion der Bildungsbenachteiligung anknüpfen und Impulse für eine Verbesserung der Lernangebote im mehrsprachigen, insbesondere im bilingualen und im Zweitsprachenunterricht geben.
Aus vielerlei Experimenten und Beobachtungen schließt sie, dass Kinder, auch wenn sie gleichzeitig mit mehreren Fremdsprachen konfrontiert werden, selbstständig Strukturen und Regeln ableiten und einer bestimmten Sprache zuordnen können, obwohl dies auf den ersten Blick nicht so scheint.
Selbst kleine Kinder im Alter von 3—4 Jahren sind bereit und keineswegs damit überfordert, mehrere Sprachen gleichzeitig anzunehmen. Sie erweitern bereitwillig ihr Repertoire an sprachlichen Strukturen, wenn sie räumlich und zeitlich mit ihren persönlichen Interessen verankert sind.
Mehrsprachige Angebote können also nach Tracy Kinder nur herausfordern. Sie mischen vielleicht einzelne Sprachcodes, werden sie aber später trennen.
Aber Tracy betont auch, dass man keine übertriebenen Erwartungen an mehrsprachige Erziehung stellen sollte: >Wenn in einer Sprache Alltagsrelevanz und/oder ein reichhaltiges, variationsreiches Sprachangebot fehlen, ist es schwieriger, einen Erwerbsprozess nachhaltig in Gang zu halten.<
Ihr Ziel ist es dennoch, zu erläutern, wieso >man sicher sein kann, dass ein Kind mit einer mehrsprachigen Situation nicht überfordert ist, und dass ja vielleicht auch hinter Mischäußerungen ein System steckt<.
In verschiedenen Beispielen vergleicht sie, wie schnell Kinder beim Zweitsprachenerwerb z. B. die Stellung des Verbs )Satzklammer) korrekt zu verwenden lernen. Der Tenor ihrer Erkenntnis ist, dass alle Kinder verhältnismäßig schnell (wenngleich auch unterschiedlich schnell) selbst typische Strukturen einer Sprache erkennen und sich zunutze machen.
Tracys Antwort auf die Titelfrage, wie Kinder Sprachen lernen, lautet: >systematlsch, treffsicher und beharrlich — wenn man sie denn lässt<. Und am besten natürlich in Kleingruppen von nicht mehr als vier bis sechs Kindern.
Methodische Herangehensweisen (z. B. beim Wortschatzerwerb) und konkrete Empfehlungen zur Sprachförderung auf der Basis von Beispieläußerungen sollen Lehrer und Erzieher anregen, ihre Schüler genauer zu beobachten, um Fördermaßnahmen besser begründen zu können.
Das Glossar am Buchende scheint etwas willkürlich gewählt. Begriffe wie Dativ, Hilfsverb, Hauptsatz im Vergleich zu >Hybride Identität< oder >Kritische Masse< sind vielleicht nicht gleichermaßen von Bedeutung im Gesamtkontext dieses Buches.
Tracy strebt das Ideal einer mehrsprachigen Gesellschaft an — und wie wir alle kann auch sie den Widerspruch zwischen diesem Ideal und der Notwendigkeit einer kindgerechten Förderung einerseits und der Notwendigkeit, dies auf der Basis von strukturierten Programmen zu planen und durchzuführen, nicht auflösen.
Ihre Experimente und Beispiele können Grundlage für solche Programme sein.
in: ide Mehrsprachigkeit und Deutschunterricht Heft 2 – 2008 32. Jahrgang
Der Spracherwerb gehört zu den bemerkenswertesten Errungenschaften der frühen Kindheit und fasziniert Wissenschaftlerlnnen seit langer Zeit. Je mehr man über Spracherwerb und Sprache weiß, umso leichter sollte es gelingen, ein- und mehrsprachigen Kindern zu helfen, Defizite auszugleichen. Dieses Wissen ist für produktives Problemlösen unabdingbar, ebenso wie eine positive Einstellung zur Mehrsprachigkeit, die zunehmend als gesellschaftliche Realität existiert und nicht nur toleriert, sondern möglichst bewusst angestrebt werden soll. Geeignete Kommunikationspraktiken und der Einsatz von Strategien, mit deren Hilfe durch Beobachtungen und gezielte Interaktion mit Kindern Sprachkenntnisse verbessert und Wissen über Sprache aufgebaut werden, sollen allen an der Sprachförderung Beteiligten neue Wege aufzeigen. Besonders wichtig erscheint es der Autorin, neben den LehrerInnen und Betreuerlnnen in Kindertagesstätten auch und vor allem Eltern über die Bedeutung von Mehrsprachigkeit zu informieren. Rosemarie Tracy zeigt auf, dass Kinder problemlos mit mehreren Sprachen aufwachsen können, wobei die früh-kindliche Mehrsprachigkeit unterstützt werden kann und soll, um allen Kindern zu Sprachkenntnissen zu verhelfen, die ihre Bildungs- und Berufschancen steigern, denn ohne eine solche Unterstützung sind viele Zweitsprachenlernerlnnen benachteiligt. Kinder, denen ein natürliches und durchaus auch komplexes Angebot an Sprache, wenn möglich in einer interessanten sprachlichen Umgebung, unterbreitet wird, lernen nicht nur Sprache zu benutzen sondern auch metasprachliches Wissen aufzubauen. So zeigt uns dieser Band sehr deutlich, wie wichtig es ist, mit der Förderung von Zweit- aber auch von Muttersprache möglichst früh zu beginnen.
von: Jürgen Dittmann
in: Freiburger Universitätsblätter GESCHICHTE IN DER GESCHICHTE GESCHICHTSVORSTELLUNGEN VON DER ANTIKE BIS INS 20. JAHRHUNDERT
In neun Kapiteln gibt Rosemarie Tracy einen Überblick über unterschiedliche Spracherwerbsverläufe: den »einfachen«, monolingualen Erstspracherwerb, bei dem das Kind in den ersten zwei bis drei Lebensjahren mit nur einer Sprache konfrontiert ist, den doppelten Erstspracherwerb, bei dem das Kind von Anfang an zwei Sprachen lernt bzw. innerhalb der ersten zwei bis drei Jahre eine zweite Sprache dazukommt, und dem frühen Zweitspracherwerb, bei dem die zweite Sprache später dazukommt. Wobei die Autorin so klug ist, sich nicht auf fixe Zeitangaben festzulegen, denn die Abgrenzungen sind in der Forschung umstritten. Es ist von Anfang deutlich, dass die Verfasserin sich für die bilinguale Situation besonders interessiert, mir deren Erforschung sie sich denn auch seit Jahren intensiv befasst. Doch profitieren auch Leserinnen und Leser, die etwas über den monolingualen Erwerbsverlauf erfahren möchten, von der Lektüre, denn nicht nur die Darstellung der Erwerbsreihenfolge, sondern auch die ausführliche Erörterung der Fördermöglichkeiten lässt sich für mono- und bilinguale Kinder nutzen.
Das ist überhaupt die herausragende Eigenheit dieses Buches, die es von anderen, vergleichbaren auf dem Markt abhebt: Tracy nimmt eine kompromisslos anwendungsbezogene Perspektive ein, selbst noch die Darstellung des Grammatikerwerbs im Deutschen — vielleicht die bislang gelungenste allgemeinverständliche Abhandlung dieses komplexen Themas überhaupt — erweist sich, vom Ende des Buches her gelesen, als strikt zielführend: Die Leserin oder der Leser versteht in Kap. 4, weshalb Kinder bestimmte Konstruktionen in welcher Reihenfolge erwerben (z. B. rür auf, mama bus fahrn, mama auch kette, da kommt ball rein), weil sie/er in Kap. 2 gelernt hat, welche »Architektur« deutschen Sätzen eigen ist, und in Kap. 9 kann sie/er das Gelernte gleichermaßen für ein Programm zur Förderung des Spracherwerb wie auch zur Sprachstandsdiagnose verwenden, wobei die Verfasserin hier in erster Linie an Personen denkt, die, beispielsweise in einer Kita, mit kleinen Kindern zu tun haben.
Als Zielgruppe definiert sie denn auch Erzieherinnen, Lehrerinnen, Logopädinnen »und weitere Personen, die aus beruflichen Gründen (Kinderärzte, Tagesmütter etc.) Interesse am Spracherwerb haben«, doch sind, versteht sich, auch »Eltern« und andere angesprochen, die auf diesem Gebiet etwas lernen sollen. Entsprechend der Zielgruppe, ist die Darstellung allgemeinverständlich, ohne die Inhalte zu verflachen, gelegentlich könnte die Verfasserin ihrer Leserschaft durchaus linguistische Termini, die sie einmal eingeführt hat, auch zumuten (z. B. »flektieren« statt »beugen«).
Ein m. E. gelungenes didaktisches Mittel sind in jedes Kapitel mehrfach eingestreute »Gedankenexperimente«, in denen sich die Leserin/der Leser in bestimmte Situationen versetzen soll, durchaus auch gelegentlich in die Rolle des Kindes im Spracherwerb. Einige dieser Gedankenexperimente wirken etwas bemüht, so das zum Einstieg in das Thema »Mehrsprachigkeit«, wo wir uns vorstellen sollen, wir hätten mehr als einen Mund (45). Auch der Kalauer von der »sprARCHE« (dem Boot, in dem wir beim Sprachelernen alle sitzen) ist vielleicht nicht ganz gelungen. Darstellungstechnisch geschickt sind die sog. Exkurse, in denen Einzelaspekte des jeweiligen Gegenstands vertieft werden. Die Bezeichnung »Exkurs« bedingt allerdings, dass man sie überlesen können sollte, wenn man es sehr eilig hat. Das ginge z. B. beim Exkurs über »Strategien der Eltern«, bilinguale Kinder zum Wechsel in die gewünschte Sprache anzuregen (119), nicht, denn die folgenden Strategien finden sich im Text.
Wie immer in einer ersten Auflage ließen sich auch andere punktuelle Verbesserungen denken: Was den Inhalt betrifft, habe ich nur ein ernstes Monitum: Wenn ich Nirseh (2007) recht verstehe, gibt es bislang keine neurolinguistische Evidenz dafür, »dass die gleichzeitige Aneignung zweier Sprachen in der frühen Kindheit den Zugang zu weiteren, später erworbenen Sprachen erleichtert« (102; Hervorh. von mir; J.D.). Auch scheint mir das Thema »Sprachverweigerung« bei Bilingualen zu kurz zu kommen (Kap. 5). Die nach meiner Erfahrung gelegentlich unlösbaren psychosozialen Probleme der Situation: ein Elternteil A spricht mit dem Kind nur in Sprache a, die aber Elternteil B überhaupt nicht versteht, werden gar nicht gewürdigt (ebd.). Die Probleme der Genuszuweisung im Deutschen werden zweimal behandelt (28; 72). Formal finde ich es nicht gut, dass die Unterkapitel nicht nummeriert sind, aber das dürfte eine Auflage des Lektorats sein. Gelegentlich wird pauschal auf ganze Handbücher oder Sammelbinde verwiesen (z. B. 71; 116), obwohl nur bestimmte Themen gemeint sind, das sollte für die zweite Auflage geändert werden. Im Schema der »Satzklammer« (39) verwirrt es die Leserin/den Leser, wenn in der Spalte »V2 finit«, d. h. »finites Verb in Zweitposition«, als letztes Beispiel die Konjunktion wenn auftritt. Das ist später besser gelöst (Sof.), wenn in dieser Spalte Konjunktionen und Relativpronomina explizit zugelassen werden. Der Terminus »Telegrammstil« (77) für kindliche Äußerungen in der Phase von 18 bis 24 Monaten (mama bus fahren, s. o.) wurde nicht erst 1973 von Brown geprägt, sondern schon von Clara und Wilhelm Stern (1928, 59: »Telegraphenstil. S. 123, Absatz 2, Zeile 1, lies »entgegen lang gehegten Vorurteilen«; S. 167, 3. Absatz, Zeile 2, lies »Informanten und Informantinnen«; S. 224, hinter »Paradis«, lies: »Johanne (Catherine)« (statt »johannes«.
Dieses Buch sei allen interessierten Laien, der von Tracy anvisierten Zielgruppe also, wärmstens empfohlen. Als Ergänzung möchte ich allerdings im Hinblick auf den bilingualen Spracherwerb weiterhin auf Kielhöfer/Jonekeit (1998) verweisen.
Literatur Kielhöfer, Bernd, Jonekeit, Sylvie (1998): Zweisprachige Kindererziehung. [Mit Zeichn. von Jan-Michel Henrion]. 10. Aufl. Tübingen: Stauffenburg. — Nitsch, Cordula (2007): Mehrsprachigkeit: Eine neurowissenschaftliche Perspektive. In: Mehrsprachigkeit bei Kindern und Erwachsenen. Hg. Tanja Anstatt. Tübingen: Attempto, 47-68. — Stern, Clara, Stern, Wilhelm (1928): Die Kindersprache. Eine psychologische und sprachtheoretische Untersuchung. 4. Aufl., Nachdruck 1987).
von: Eva Hammes-Di Bernardo, Saarbrücken
in: KiTa aktuell Fachzeitschrift für die Leitung von Kindertageseinrichtungen 4/2008-09-19 16. Jg., KiTa ND
»Ich habe dieses Buch für Leserinnen und Leser geschrieben, die sich nicht damit abfinden wollen, dass Kinder und Jugendliche in unserem Bildungssystem vor allem deswegen scheitern, weil wir einiges noch nicht verstanden haben beziehungsweise weil wir das, was wir bereits als sinnvoll erkannt haben, nur sehr zögerlich und halbherzig umsetzen. Hinzu kommt, dass es auf vielen Ebenen des Bildungssystems an Wissen über Spracherwerb und Mehrsprachigkeit sowie überhaupt an einer analytischen Auseinandersetzung mit Sprache fehlt.«
Die Autorin, Professorin für anglistische Linguistik an der Universität Mannheim, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Frage des frühkindlichen Zweit- und Mehrsprachenerwerbs in Lehre und Forschung. Wie sie selbst im Vorwort zu ihrem kürzlich erschienen Buch »Wie Kinder Sprachen lernen — und wie wir sie dabei unterstützen können« festhält, gibt es in der Praxis noch einen enormen Nachholbedarf, was das Wissen um diesen — nur scheinbar? — natürlichen Bereich der kindlichen und menschlichen Entwicklung betrifft.
Noch eine theoretische Abhandlung über den menschlichen Spracherwerb, ergänzt durch die neusten neurophysiologischen Erkenntnisse, zusammengemischt vor dem Hintergrund einer globalisierten Gesellschaft mit der berechtigten Forderung nach einem mehrsprachigen Aufwachsen als Weltbürger?
Weit gefehlt! Tracy hat hier ein Buch geschrieben, dass sich an die Fachpraxis, an Erzieherinnen und Erzieher im Kindergarten, aber auch an Lehrerinnen und Lehrer in der Grundschule wendet. Doch im Mittelpunkt aller aufgeworfener und sehr informativ beantworteten Fragen steht durchgehend das Kind, das wir auf seinem Spracherwerbsprozess begleiten:
Was erwirbt es eigentlich beim Spracherwerb? Was bedeutet Mehrsprachigkeit vor dem Hintergrund seines prinzipiellen Spracherwerbs, gibt es Vor- und Nachteile oder ist diese Frage vielleicht sogar zu vernachlässigen? Welche Rolle spielen wir als Erwachsene, was müssen wir wissen, beachten, wahrnehmen?
Das Buch macht sehr schnell klar, dass der Spracherwerb ein Kinderspiel ist! In einem Alter, in dem wir Kinder nicht unbeaufsichtigt eine Straße überqueren lassen würden, erschließen sie sich zielstrebig die Strukturen ihrer Erstsprachen. Und wie wir mittlerweile wissen, gilt dies nicht nur für den Erwerb einer Sprache, denn Kinder können von Anfang mit mehr als einer Sprache aufwachsen. Auch der frühe Erwerb einer — selbst zeitversetzt — hinzutretenden Zweitsprache ist ohne Risiko für die Entwicklung des Kindes möglich. Diese Kompetenzen gilt es zu nutzen, vor allem auch für die frühe Zweitsprachförderung von Kindern aus Einwandererfamilien, denen ohne ausreichende Sprachkenntnisse Bildungs- und Berufschancen verwehrt bleiben.
Das Buch bietet neben seiner gut verständlichen Information zum Spracherwerb zahlreiche Beispiele für eine erfolgreiche Unterstützung frühkindlicher Mehrsprachigkeit. Verdeutlicht wird auch, welche sprachlichen Bereiche für Zweitsprachlerner problematisch bleiben, wenn angemessene Unterstützung fehlt. Das Buch liefert eine Anleitung für die gezielte Beobachtung von Kindern und eine Fülle von Anregungen für die Förderung.
>sprachenerwerb die Gemüter?< setzt sie sich explizit und anschaulich mit der Frage auseinander, warum das Thema frühkindlicher Mehrsprachigkeit, Inhalt jeder Erzierher- und Lehrerausbildung, gern gewähltes Prüfungsthema, Evergreen der Fortbildungsveranstaltungen für pädagogische Fachkräfte, ein Reizthema bleibt, an dem sich Gemüter — und Erwartungen scheiden. Sie weist nach, welche Leistung Kinder erbringen, die sich im Vokabular, der Grammatik, der Syntax, den Kommunikationsstrategien verschiedener Sprachen orientieren und zurechtfinden müssen. Leider nehmen wir nur zu oft die Abweichung von der Norm, in der wir uns selbst bewegen, wahr, beurteilen das temporäre Ergebnis und nicht die Leistung, die dieses erst ermöglicht hat. Und in den meisten Fällen lassen wir uns in unserem Urteil nur durch eine verdrehte Satzstellung oder den Mix verschiedener Sprachen verwirren und beeinflussen. Zu schnell wird vergessen, dass das Kind all seine Anstrengungen darauf konzentriert, überhaupt mir uns in Kommunikation zu treten und sich hierfür all der Mittel bedient, die ihm zur Verfügung stehen. Das Kapitel »Mit Kindern reden« macht nachdrücklich deutlich, dass sprechen lernen und kommunizieren auf vielen gleichzeitig aktiven Ebenen stattfindet. Wenn wir Kinder in dieser für ihr ganzes Lehen wichtigen Phase konstruktiv unterstützen wollen, müssen wir wissen, was in ihnen und um sie herum vor sich geht, müssen ihnen mit Respekt und Anerkennung für ihre Leistung begegnen. Oft fällt uns dies leichter, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass auch wir diesen Weg schon einmal beschritten haben.
Mit ihrem konstanten Blick auf das Kind zeigt die Autorin, wie einfach es sein kann, unsere Rolle als begleitende und fördernde Erwachsene verantwortungsbewusst wahrzunehmen: Die unendliche Geduld der Kindes, seine Kooperationsbereitschaft in der Kommunikation mit den Erwachsenen geben uns immer wieder aufs Neue die Möglichkeit, ihnen bei der sprachlichen und sozialen Identitätsfindung behilflich zu sein.
stehen nicht nur in einem ausgewogenen Verhältnis, sie stellen immer wieder klare und nachvollziehbare Beziehungen her. Das ausschlaggebende Argument hierfür findet sich im abschließenden Zitat aus dem Epilog des Buches, in dem Rosemarie Tracy daran erinnert, >mit welchen Mythen und Märchen Sie sich bei Ihrer künftigen Beschäftigung mit Spracherwerb und Mehrsprachigkeit nicht mehr belasten müssen. Dazu zählt beispielsweise die Vorstellung, dass frühe Mehrsprachigkeit etwas Unnatürliches, geradezu Ungesundes ist, dass Kinder damit überfordert oder anschließend in ihrer Identitätsentwicklung gestört sind. Wir wissen heute, dass wir die Fähigkeit von Kindern auch im Bereich der Sprache unterschätzt haben und dass Kinder daher nicht nur unterfördert, sondern auch unterfordert haben.


